Bei welchen Anzeichen sollte man einen Arzt aufsuchen?

Wächst ein Kind oder Jugendlicher langsamer und bleibt kleiner als gleichaltrige Freunde oder Klassenkameraden, kann dies verschiedene Ursachen haben. Manche Kinder wachsen einfach langsamer, holen das aber später wieder auf. Manchmal steckt aber auch eine Krankheit dahinter, die zu einer Wachstumsstörung führen kann. Die Ursache dafür könnte ein Mangel des Wachstumshormons sein.

Weitere Anzeichen können auf einen Mangel dieses Hormons hindeuten, zum Beispiel:

  • kleine Hände und Füße
  • kleinkindlich rundliche Proportionen, besonders am Rumpf (durch mehr Fettgewebe unter der Haut)
  • unterentwickelte Muskulatur
  • Mangel an Kraft und Energie
  • dünne, trockene Haut

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Welche Ärzte stellen fest, dass ein Mangel vorliegt?

Um einen Mangel des Wachstumshormons sicher festzustellen, gibt es mehrere Untersuchungsmethoden. Diese werden von spezialisierten Ärzten durchgeführt. Erster Ansprechpartner ist der Kinderarzt: Er schätzt anhand von Wachstumskurven ein, ob eine Wachstumsstörung vorliegen kann. Wenn der Verdacht einer Wachstumsstörung bestätigt wird, ist der Besuch eines Radiologen und Endokrinologen ratsam.

Der Radiologe (Röntgenarzt) erkennt mit Hilfe sogenannter bildgebender Verfahren (wie Ultraschall oder Röntgen) Krankheitsbilder und deren Ursachen. Anhand des Skeletts kann das Knochenalter bestimmt und festgestellt werden, ob es mit dem Lebensalter übereinstimmt.

Der Endokrinologe ist ein Hormonspezialist, also ein Arzt, der sich speziell mit Krankheiten des Hormonstoffwechsels bei Kindern beschäftigt. Er kann anhand verschiedener Untersuchungen endgültig feststellen, ob ein Wachstumshormonmangel vorliegt.

Wie stellen die einzelnen Ärzte das fest?

Beim Kinderarzt: Hinweise aus den U-Untersuchungen und Wachstumskurven

Wie entscheidet man, ob ein Kind kleiner ist als gleichaltrige Freunde oder Klassenkameraden? Wie vergleicht man Körpergrößen? Dafür gibt es spezielle Wachstumskurven. Bei allen Früherkennungsuntersuchungen beim Kinderarzt, den sogenannten Untersuchungen U3 (4. bis 6. Lebenswoche) bis U9 (5. Lebensjahr), werden auch die Körpermaße erfasst. Dazu gehören die Körpergröße und das Gewicht.

Die gemessenen Werte werden bei jedem Termin in drei entsprechende Wachstumsdiagramme im gelben Untersuchungsheft eingetragen. In diesen Wachstumsdiagrammen – sogenannten Somatogrammen – sind bereits verschiedene Kurven eingezeichnet: Diese heißen Perzentil-Linien und geben dem Arzt Hinweis darauf, ob das Wachstum „normal“ und altersgerecht verläuft.

Körpergröße: Somatogramm I

Die Perzentil-Linien basieren auf den Wachstumskurven der durchschnittlichen Bevölkerung. Anhand dieser Linien kann der Kinderarzt ablesen, ob das Wachstum des jeweiligen Kindes angesichts seines Alters normal oder abweichend vom Durchschnitt verläuft. Den bei der individuellen Untersuchung gemessenen Wert der Körpergröße trägt der Kinderarzt an der Stelle des Diagramms ein, die dem Alter entspricht. Liegt die gemessene Körpergröße eines Kindes dann beispielsweise auf der 50. Perzentile, bedeutet dies, dass 50 Prozent der gleichaltrigen Kinder kleiner sind. Liegt die gemessene Körpergröße auf der 3. Perzentile, sind drei Prozent der Kinder kleiner (und 97 Prozent größer).

Wenn die gemessenen Werte eines Kindes mehrmals unterhalb der unteren 3. Perzentil-Linie liegen, kann dies auf eine Wachstumsstörung hinweisen.

Aber auch wenn die Messwerte über dem 3. Perzentil liegen, sie jedoch nicht dem üblichen Kurvenverlauf entsprechend ansteigen, kann eine Wachstumsstörung vorliegen.

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Normalerweise folgt das Wachstum der nach dem 2. Lebensjahr erreichten Perzentile. Das heißt, die gemessenen Werte steigen im gleichen Maße, wie die Perzentilkurve ansteigt. Hier spricht man auch von perzentilgerechtem Wachstum.

Wenn die Werte jedoch nicht der Kurve entsprechend anwachsen, unabhängig davon, ob sie über oder unterhalb der 3. Perzentile liegen, spricht man von einem sogenannten perzentilflüchtigen Wachstum. In diesem Fall weichen die gemessenen Werte von der ursprünglichen Perzentile ab. Diese steigen also schneller als es die Perzentilkurve vorgibt, bleiben gleich oder sinken ab. Dieses perzentilflüchtige Wachstum kann, neben den oben genannten Werten unterhalb der 3. Perzentile, auch auf eine Wachstumsstörung hinweisen.

Dabei muss berücksichtigt werden, dass auch gesunde Kinder diese Linien unterschreiten können oder bei ihnen ein perzentilflüchtiges Wachstum auftreten kann. Zudem gibt es auch weltweit Unterschiede der Körpergröße.

Körpergewicht: Somatogramm II

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Auch das Gewicht eines Kindes wird bei den U-Untersuchungen erfasst. Der Kinderarzt trägt das gemessene Gewicht eines Kindes bei der entsprechenden Körpergröße in das Somatogramm II ein. Je nach Körpergröße gibt es wieder Perzentil-Linien. Liegt ein Messwert auf der 3. Perzentil-Linie, bedeutet dies, dass drei Prozent der vergleichbar großen Kinder leichter sind, 97 Prozent schwerer.

Aus den beiden Werten Körpergewicht und Körpergröße wird der Body-Mass-Index (BMI) errechnet: Gewicht in Kilogramm geteilt durch die Körpergröße in Meter zum Quadrat (kg/m²).

Wichtig sind außerdem zwei weitere Werte, um eine Wachstumsstörung zu erkennen: die Zielgröße und die Wachstumsgeschwindigkeit.

Was ist die Zielgröße? Wie wird sie errechnet?

Wenn die Eltern eher klein sind, werden meist auch die Kinder nicht besonders groß. Denn die Körpergröße hängt auch von der genetischen Veranlagung ab. Die Zielgröße ist die Körpergröße, die ein Kind voraussichtlich erreicht. Sie wird folgendermaßen aus den Körpergrößen der Eltern berechnet:

Summe der Körpergrößen von Mutter und Vater geteilt durch 2 = x

Zielgröße eines Mädchens: x – 6,5 cm
Zielgröße eines Jungens: x + 6,5 cm

Die so ermittelte Zielgröße wird in die individuelle Wachstumskurve eingetragen. So lässt sich im Verlauf der weiteren Untersuchungen feststellen, inwieweit das Kind „auf einem guten Weg“ ist, die errechnete Zielgröße zu erreichen oder ob zukünftig Abweichungen zu erwarten sind.

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Was ist die Wachstumsgeschwindigkeit? Wie wird sie bestimmt?

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Kinder wachsen einige Zentimeter pro Jahr. Dieser Wert ist die Wachstumsgeschwindigkeit. Um die Wachstumsgeschwindigkeit zu berechnen, soll das Wachstum des Kindes mindestens ein halbes, besser ein ganzes Jahr beobachtet werden.

Es gibt Tabellen für Mädchen und Jungen, die die Mittelwerte der Wachstumsgeschwindigkeit in jedem Lebensjahr zeigen. Der ermittelte Wert für die Wachstumsgeschwindigkeit des Kindes kann mit diesen Referenzwerten in der Tabelle verglichen werden.

Wenn die Körpergröße eines Kindes deutlich von der Wachstumsperzentile der errechneten Zielgröße abweicht oder wenn die Wachstumsgeschwindigkeit unterhalb der alters- und geschlechtsüblichen Vorgabe liegt, sollte das Kind zusätzlich von Fachärzten untersucht werden: Ein Röntgenarzt und ein Endokrinologe sind hierbei die weiteren Ansprechpartner.

Beim Röntgenarzt: Feststellung des Knochenalters

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Zur weiteren Diagnostik – beziehungsweise zum Erkennen – einer Wachstumsstörung stellt ein Röntgenarzt (ein Radiologe) fest, ob das Knochenalter mit dem Lebensalter (chronologisches Alter) übereinstimmt. Bei Kindern mit Wachstumshormonmangel ist dies nicht der Fall, das Knochenalter ist „jünger“. Man spricht von „Reifungsverzögerung“.

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Das Knochenalter (oder Skelettalter) ist das Alter, das aus der Zahl und der Entwicklung der Wachstumsfugen ermittelt wird. Von diesen Wachstumsfugen (oder Epiphysenfugen) geht das Längenwachstum der Knochen aus, von dort verknöchert der Knochen, der vorher noch teilweise knorpelig ist.

Um das Knochenalter festzustellen, wird die linke Hand des Kindes geröntgt. Die Handknochen verknöchern in einer bestimmten Reihenfolge, die Wachstumsfugen schließen sich dann. Meist sind im Alter von 14 Jahren bei Mädchen und von 16 Jahren bei Jungen alle Wachstumsfugen der Hand geschlossen, das Wachstum ist dann also größtenteils abgeschlossen.

Es wird eine Röntgenaufnahme der linken Hand gemacht, weil hier die Knochen langsam und regelmäßig verknöchern.

Welche Handknochen schon verknöchert und welche noch verknorpelt sind – aus diesen Informationen kann der Röntgenarzt auf das Knochenalter schließen: Er vergleicht das Röntgenbild mit Referenzbildern gesunder Kinder unterschiedlichen Alters.

So kann der Radiologe eine Reifungsverzögerung der Knochen gegenüber dem Lebensalter feststellen. Folgendes weist in der Regel auf einen Wachstumshormonmangel hin:

  • wenn bei Kindern im Alter von vier bis sieben Jahren das Knochenalter gegenüber dem Lebensalter um mehr als ein Dreivierteljahr verzögert ist
  • wenn bei Kindern über sieben Jahre das Knochenalter gegenüber dem Lebensalter um mehr als ein Jahr verzögert ist

Mehren sich die Hinweise auf eine Wachstumsstörung und einen Mangel des Wachstumshormons, dann sollte ein Besuch bei einem Kinderendokrinologen erfolgen.

Beim Kinderendokrinologen: Erkennen bzw. Diagnose eines Wachstumshormonmangels

Um einen Wachstumshormonmangel sicher festzustellen, sollte ein Facharzt für pädiatrische Endokrinologie (das ist ein Hormonspezialist für das Kindes- und Jugendalter) das Blut des Kindes untersuchen.

Bluttest auf IGF-I und IGF-BP-3

Zuerst wird im Blut die Menge von zwei Substanzen bestimmt: von IGF-I (insulinähnlicher Wachstumsfaktor I) und IGF-BP-3 (insulinähnlicher Wachstumsfaktor mit Bindungsprotein 3). Wenn der Körper zu wenig Wachstumshormon bildet, wird auch weniger dieser beiden Substanzen gebildet. So kann man einen Mangel des Hormons indirekt feststellen.

Denn das Wachstumshormon löst im Körper u.a. die Bildung anderer Botenstoffe aus, so auch von IGF-I. Dieser insulinähnliche Wachstumsfaktor wird in der Leber gebildet und bleibt mehrere Tage bis Wochen im Körper. Es kann also leicht im Blut nachgewiesen werden. Ebenso IGF-BP-3 – das ist eines von mehreren IGF-Bindungsproteinen.

Eine Blutuntersuchung gibt relativ einfach Auskunft über die Menge dieser beiden Substanzen im Blut. Die gemessenen Mengen von IGF-I und IGF-BP-3 im Blut werden mit alters- und geschlechtsspezifischen Referenzwerten verglichen.

Niedrige Werte können auf einen Wachstumshormonmangel hinweisen, aber auch andere Gründe können für die niedrigen Werte verantwortlich sein.

Erst wenn andere Krankheitsursachen ausgeschlossen werden konnten, sollte ein weiterer Test durchgeführt werden. Das heißt, die Menge des Wachstumshormons selbst muss im Blut festgestellt werden.

 

 

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Stimulationstest

Die Menge des Wachstumshormons im Blut schwankt im Tagesablauf stark: Das Hormon wird im Verlauf eines Tages in mehreren Schüben in den Blutkreislauf freigesetzt, in den Abendstunden wird das meiste Wachstumshormon abgegeben. Daher haben einzelne Messungen von Hormonwerten im Blut wenig Aussagekraft für die Diagnose.

Eine aufwendigere Untersuchung ist dafür nötig, ein sogenannter Stimulationstest.

Da der Blutspiegel des Wachstumshormons auch von anderen Faktoren abhängt, u.a. auch von der Stimmungslage, muss die Messung unter genau festgelegten Bedingungen ambulant im Krankenhaus oder bei einem Hormonspezialisten durchgeführt werden.

Die Tests werden morgens durchgeführt, wenn das Kind noch nichts gegessen und getrunken hat. Es sollte während der Untersuchung ruhen.

Zuerst wird dem Kind eine Kanüle in eine Vene gelegt, da mehrere Blutentnahmen nötig sind.

Dann wird dem Kind eine von verschiedenen Substanzen gespritzt, z.B. Arginin (eine Aminosäure) oder eines der Hormone Insulin oder Glukagon. Diese Substanzen regen die Hirnanhangsdrüse (Hypophyse) dazu an, Wachstumshormon freizusetzen.

Eine halbe Stunde davor und zu mehreren Zeitpunkten danach (über zwei bis drei Stunden) wird die Menge des Wachstumshormons im Blut bestimmt. Dies erlaubt eine Aussage darüber, ob genügend oder zu wenig Hormon von der Hypophyse ausgeschüttet wird. Sind die gemessenen Werte unter einem bestimmten Wert, kann man von einem Wachstumshormonmangel ausgehen.

In der Regel sind zur Sicherung der Diagnose zwei Stimulationstests (an verschiedenen Tagen) nötig.